Donnerstag, 17. Januar 2013

Derniere

Fünf Jahre lang hast du dir Splitter aus den Fingern gepult. Mehrmals hast du dir die Finger aufgerissen und blaue Flecken davongetragen. Für den Rest deines Lebens wirst du eine Narbe am Kinn haben, weil es die Garderobenfrau einmal gut mit dir meinte und dir stabile Synthetikhandschuhe gegeben hat, die aber so rutschig waren, dass du aus drei Metern Höhe viel zu schnell und mit dem Kopf voran auf die Bretter geschlagen bist.

Oft hast du mit glasigen Augen am Bühnenrand gestanden, wenn Lisbeth ihrem Michael Lebewohl gesagt und ihm versichert hat, dass er die Antworten auf seine Frage wissen werde, wenn sie sich wiedertreffen.

Und dann stehst du ein letztes Mal da und verbeugst dich, während knapp tausend Menschen applaudieren, doch das einzige, was in diesem Moment zählt, ist, dass der unfreundliche Nachbar, den du aus einem unbestimmten Gefühl heraus noch nie so recht leiden konntest, in der ersten Reihe sitzt, dich angrinst und dir zuruft, dass die Vorstellung echt gut gewesen sei.

Montag, 14. Januar 2013

Die dicke Frau Schmidt

Die dicke Frau Schmidt würde nie ohne ihren Damenhut das Haus verlassen. Mit diesem Hut verleiht die dicke Frau Schmidt ihrer ansonsten plumpen Erscheinung - da macht sich Frau Schmidt keine Illusionen - einen Hauch jener Aura, die laut Fitzgerald eine gewisse Daisy umwehte.

Den grauen Damenhut kombiniert die dicke Frau Schmidt mit einem schwarzen Scottish Terrier namens Hermann, der praktischer Weise sehr kurze Beine hat; denn laufen kann die dicke Frau Schmidt in ihrem beigefarbenen Allwettermantel nicht besonders schnell. Wenn sie es eilig hat, fährt Frau Schmidt deshalb mit ihrem in die Jahre gekommenen Mercedes, dessen Farbe wohl am besten als dunkles Mauve bezeichnet werden kann.

Die dicke Frau Schmidt lebt in einem alten Haus, in dessen Vorgarten zahlreiche Rosenstöcke wachsen. Durch die orangebraune Patina des Gebäudes mit den verblasst lindgrünen, brüchigen Fensterläden war ein Glanz besserer Zeiten geschimmert, bis die dicke Frau Schmidt eines Tages einen Maler bestellte, der auf ihren Wunsch hin der Fassade mit einer grässlich rosfarbenen Tünche, und den Läden mit einem Weiß, das eigentlich Zahnarztfrauen und US-Amerikanern vorbehalten ist, jeglichen Charme austreiben musste.

Seitdem überkommt die dicke Frau Schmidt ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit, wenn sie den Wagen auf dem Kiesweg neben dem Haus parkt, sich aus dem Fahrersitz hieft, um dann, mit Hermann an ihrer Seite, den Blick kurz über den den Giebel und den grellweiß lackierten Altan schweifen zu lassen.

Steifbeinig und mit glänzenden Augen schwankt die dicke Frau Schmidt anschließend mit ihrem Damenhut die drei Stufen zur Haustür hoch.

Man kann nicht behaupten, dass die dicke Frau Schmidt auf Äußerlichkeiten keinen Wert legt.

Freitag, 11. Januar 2013

Square du Vert-Galant

Wenn der kleine Herr Müller mit seinem Fahrrad zur Arbeit fährt, möchte er manchmal, nachdem er sich auf der Brücke, die über die Bahngleise führt, umgedreht und über die Dächer der Stadt hinweg in die Berge geschaut hat, die um diese Uhrzeit häufig noch nebelverhangen sind, immer weiter geradeaus fahren, um sich an der Westspitze der Île de la Cité auf die Kaimauer zu setzen und den Tag damit zu verbringen, das Treiben auf dem Pont des Arts zu beobachten.

Trotzdem biegt der kleine Herr Müller jedes Mal am Ende der Brücke, die über die Bahngleise führt, links ab, parkt sein Fahrrad vor dem Bürogebäude und setzt sich an seinen Schreibtisch.

Doch wenn es dort ganz still ist, kann er das Rauschen der Weiden im Square du Vert-Galant hören und ein beinahe unsichtbares Lächeln huscht über sein Gesicht.

Donnerstag, 10. Januar 2013

Memento pulveris

Bedenke, Mensch,
dass der Staub, der du bist,
nur dadurch zum Menschen geworden ist,
dass die Liebe das Leben erfindet.

Ohne Liebe kein Leben.
Ohne Leben nur Staub.
Und die Hoffnungen waren vergebens.

Der kleine Herr Müller

Wenn der kleine Herr Müller mit seinem Fahrrad zur Arbeit fährt, dreht er sich auf der Brücke, die über die Bahngleise führt, oft um und schaut über die Dächer der Stadt hinweg in die Berge, die um diese Uhrzeit häufig noch nebelverhangen sind. Manchmal kann der kleine Herr Müller in diesem Moment die Schönheit der Welt kaum ertragen und es rollt ihm eine Träne über die Wange, die nicht so recht zu seinem Anzug passen will.
 
 
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